Was ist Resilienz im Ländlichen Raum? – Ideen und Ansätze aus der Lausitz

Zusammenfassung:
Resilienz ist im ländlichen Raum, gerade in Transformationsregionen wie der Lausitz, ein wichtiges Konzept der räumlichen Entwicklung. Der demographische Wandel geht hier mit großen Herausforderungen einher. Resilienz im ländlichen Raum bedeutet, etablierte Denkweisen zu hinterfragen – insbesondere das oft dominierende Wachstumsparadigma der Stadtentwicklung. Im Mittelpunkt steht das Lernen von Rückkehrenden, die als „Change Maker“ innovative Impulse setzen können. Zudem wird die Bedeutung von Multi-Tasking und Automatisierung sowie die Optimierung von Verwaltungsstrukturen betont. Ländliche Regionen besitzen das Potenzial, als Experimentierfelder für eine Postwachstumsgesellschaft zu dienen.

Die aktuelle Bevölkerungsprognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung geht davon aus, dass die demographische Entwicklung Deutschlands von zwei Polen gekennzeichnet sein wird – von weiterhin moderat wachsenden urbanen Ballungsräumen und von ländlich geprägten Regionen, die vor teilweise erheblichen Alterungs- und Schrumpfungsprozessen stehen (BBSR 2024). Angesichts dieser Herausforderungen ist es eine zentrale Aufgabe der räumlichen Planung und Regionalpolitik, in ländlichen Regionen eine lebenswerte, nachhaltige und demokratische Zukunft zu gestalten. Wir halten es für essenziell, hier von einer Defizit-orientierten Sichtweise, die primär die negativen Auswirkungen von Schrumpfung und Alterung hervorhebt, zu einer Potenzial- und Chancen-orientierten Perspektive zu kommen. Der Schlüssel dazu liegt in der Resilienz – der Fähigkeit, sich an Veränderungen anzupassen und aus Krisen gestärkt hervorzugehen.

Warum Resilienz im ländlichen Raum?
Was unterscheidet die Resilienz im ländlichen Raum von der urbanen Resilienz? In der Theorie beschreibt Resilienz die Fähigkeit, „die Vulnerabilität einer Stadt zu reduzieren und gleichzeitig Widerstandskraft zu entwickeln, um künftige Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen“ (Polinna/Walther 2024:6). Sie ist ein Ausdruck von Lebensmut, der darauf abzielt, Veränderungen dort aktiv herbeizuführen, wo sie möglich sind, und gleichzeitig zu akzeptieren, was sich nicht ändern lässt. Resilienz bedeutet, Herausforderungen mit einer positiven Haltung anzugehen und durch Anpassung und Weiterentwicklung langfristige Stabilität zu erlangen. Im ländlichen Raum, vor allem im Osten Deutschlands, müssen diese Herausforderungen schon seit einigen Jahren mit weniger Menschen und nicht mit dem in vielen Städten noch vorherrschenden Wachstums-Narrativ bewältigt werden. Dies erfordert andere Ansätze.

 

 

 

Bis vor kurzen hatten viele planerische Diskurse und Förderprogramme vor allem die urbanen Zentren und Ballungsräume im Blick, während ländliche Gebiete oft außen vor bleiben. Weil sie aufgrund von Fachkräftemangel in den kleinen Verwaltungen kaum in der Lage sind, die komplexen Anträge zu bearbeiten. Oder weil viele Themen als zu abstrakt und zu wenig anschlussfähig an die eigene Lebensrealität wahrgenommen werden. Auch der Begriff der „urbanen Resilienz“ fokussiert sich auf die Städte, wie sich Resilienz im ländlichen Raum ausprägt oder welche Verbindungen es zwischen Städten und „dem Land“ gibt, ist in dieser Diskussion ausgeblendet. Selbstverständlich existieren hier enge Verflechtungen, und diese werden angesichts der Energiewende, der notwendigen Stärkung von regionalen Wertschöpfungsketten oder des Mangels an Wohnraum in den Metropolen in Zukunft noch zunehmen. Gesellschaftlich und politisch ist eine Polarisierung von Stadt und Land zu beobachten, ein zunehmendes Nicht-Verstehen bis hin zu einer geringschätzenden Haltung des jeweils anderen, hier besteht Grund zur Sorge (Siedentop/Stroms 2021). Für eine resiliente, zukunftsfähige Region ist eine gemeinsame, auf gegenseitiger Wertschätzung, zumindest jedoch auf wechselseitigem Respekt beruhende Entwicklung geboten.

Das Institut für Resilienz im ländlichen Raum, das seinen Sitz in Annahütte im Landkreis Oberspreewald-Lausitz hat, arbeitet in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. In diesen Transformationsregionen setzen wir mit praktischen Projekten und wissenschaftlicher Forschung an, um zu ergründen, was Resilienz im ländlichen Raum ausmacht und wie sie gestärkt werden kann. Unsere Projekte versuchen, ein besseres gegenseitigen Verständnis zu schaffen und Prozesse aus einer dezidiert ruralen Perspektive genauer zu verstehen. Wir sind davon überzeugt, dass der ländliche Raum nicht nur seine eigene Zukunft aktiv gestalten kann, sondern auch Vorbildcharakter für andere Regionen hat.

These 1: Resilienz bedeutet, Prozesse zu verstehen, die im ländlichen Raum besonders zugespitzt auftreten
Eine große Frage, die resilientes Handeln erforderlich macht, liegt in der Bewältigung der Herausforderungen, die mit dem demographischen Wandel, d.h. mit dem Altern und dem Schrumpfen der Gesellschaft einher gehen. Auch wenn Zahlen darauf hindeuten, dass die Talsohle der Abwanderung junger, leistungsfähiger Menschen aus Transformationsregionen wie der Lausitz durchschritten ist, werden die Folgen der Alterung der Gesellschaft mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in das Rentenalter in den nächsten Jahren noch deutlicher sichtbar: Eine alternde Gesellschaft, die weniger konsumiert und investiert, verlangsamt die wirtschaftliche Dynamik, führt zu einer Ausdünnung der Nah- und Gesundheitsversorgung, zurückgehenden öffentlichen Ressourcen, unbesetzten Stellen sowie leerstehenden Immobilien. Ein Blick in diese Regionen und auf ihre Strategien, mit diesen Phänomenen umzugehen, kann also als Blick in eine Zukunft verstanden werden, die anderen Teilen unseres Landes und Europas noch bevorsteht.

Obwohl Prognosen wie die des BBSR diese Entwicklung deutlich aufzeigen, bleibt das Bewusstsein dafür in der breiten Öffentlichkeit gering. Dadurch besteht die Gefahr, dass andere Faktoren fälschlicherweise als Ursachen für gesellschaftliche Probleme wahrgenommen werden, die sich auf dem Land manifestieren, stattdessen resultieren sie jedoch aus Folgen des demographischen Wandels. Als falsch wahrgenommene politische Entscheidungen z.B. im Bereich der Arbeitsmarkt- oder Sozial- oder Migrationspolitik geraten dann schnell in den Fokus der Debatte, während die eigentlichen Treiber übersehen werden.

Darüber hinaus führen Alterung und Schrumpfung zu weiteren Konsequenzen: Tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen, etwa die fortschreitende digitale Transformation sowie der damit verbundene Wandel der Arbeitswelt und sozialer Verhaltensweisen oder der Klimawandel und die Ressourcenwende können nicht im notwendigen Maße begleitet werden, weil personelle und finanzielle Ressourcen für ein pro-aktives Steuern bzw. für ein angemessenes Reagieren auf den Wandel fehlen.

These 2: Resilienz bedeutet, Dogmen der auf Wachstum ausgerichteten Stadtentwicklung zu hinterfragen
Die Entwicklung vieler Städte in der Lausitz ist seit drei Jahrzehnten von Abwanderung, Schrumpfung, Abwicklung und Leerstand gekennzeichnet. Selbst wenn die Abwanderung junger Menschen als Trend gestoppt zu sein scheint (destatis 2024) und zunehmend Menschen in die Region zurückkehren, kommt es aufgrund der Alterung weiterhin zu einem Bevölkerungsrückgang. Um eine positive Vision für diese Städte jenseits des Wachstumsparadigmas zu entwickeln, sind innovative Ansätze erforderlich. Wachstum wird nach wie vor als Mantra unserer Gesellschaft betrachtet, trotz der seit über 50 Jahren geäußerten Kritik an diesem Modell. Ansätze wie De-Growth oder Post-Wachstum werden oft als Lösungsansätze für eine nachhaltige Lebensweise diskutiert, doch deren konkrete Umsetzung im Alltag der Bürgerinnen und Bürger sowie in der Wirtschaft ist bislang wenig erprobt und oft mit negativen Assoziationen behaftet (vgl. Brokow-Loga/Eckardt 2020). Hier sind kreative Ansätze und Erfolgsgeschichten gefordert.

These 3: Resilienz bedeutet, von Rückkehrenden als Change Makern zu lernen
Im Rahmen des BBSR-Projektes „Willkommenssalons zur Analyse der Bedarfe und Wünsche Rückkehrender in die ostdeutschen Braunkohlereviere“ hatten wir von 2023-24 die Gelegenheit, uns intensiv mit zwei besonders stark von Alterung und Schrumpfung betroffenen Städten – Spremberg im Spree-Neiße-Kreis und Zeitz im Burgenlandkreis – auseinanderzusetzen und zu erforschen, warum sog. Rückkehrerinnen und Rückkehrer in ihre Heimatregionen zurückgekehrt sind. Ziel war es, Erkenntnisse und Handlungsansätze zu entwickeln, die dazu beitragen, Menschen zur Rückkehr zu motivieren und ihre Rolle für die zukünftige Entwicklung der Region herauszuarbeiten. Wir konnten feststellen, dass Zurückgekehrte beispielhaft zeigen, wie ein Leben und Arbeiten in Städten unter den Bedingungen einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung aussehen kann.

Rückkehrerinnen und Rückkehrer sind die ersten, die Pioniere, die bei zunehmender Wirkung von Push-Faktoren einen Umzug in Erwägung ziehen, denn für sie gibt es ein attraktives Ziel, zu dem sie ohne starken Integrationsaufwand wieder zurückkehren können. Sie verfügen über Netzwerke und Kontakte in die Heimat und kennen die Vorteile der Region. Die Herkunftsfamilie wirkt als Pull-Faktor sehr stark und wiegt andere Faktoren in der Abwägung auf. Die Rückkehrenden haben deutlich gemacht, dass sie ihre Rückkehr als persönlichen Fortschritt und als große Chance wahrnehmen.

Beispiel Thomas Haberkorn, Zeitz:
Thomas Haberkorn ist ein zentraler Akteur im Wandel der Stadt Zeitz, insbesondere durch seine Beteiligung an zwei wichtigen Projekten: Kloster Posa und die Alte Stadtbibliothek. Als Rückkehrer bringt er nicht nur frische Ideen, sondern auch einen starken Sinn für Gemeinschaft und innovative Ansätze ein. Darüber hinaus arbeitet er bei der Stadt Zeitz als Klimaschutzmanager. Mit der „Alten Stadtbibliothek“ hat er eine leerstehende Schlüsselimmobilie in der Altstadt erworben, die er zu einer Plattform für Kreativität und Austausch machen möchte. Das Kulturzentrum bietet Raum für Veranstaltungen, Diskussionen und künstlerische Projekte. Durch die Nutzung soll der Leerstand erhalten werden, mittelfristig ist eine Sanierung des Gebäudes geplant.

These 4: Resilienz bedeutet, in Multi-Tasking, neuen beruflichen Standbeinen und Automatisierung eine Chance für die Entwicklung der Region zu sehen
Bei vielen Rückkehrerinnen und Rückkehrern lässt sich ein ausgeprägtes Multi-Tasking beobachten, verknüpft mit dem Ansatz, Dinge selbst zu machen, anstatt sie an andere auszulagern oder zu konsumieren. So gibt es Zurückgekehrte, die einem Beschäftigungsverhältnis nachgehen, parallel dazu eine Immobilie re-aktivieren und damit ein unternehmerisches Standbein aufbauen und die sehr engagiert ehrenamtliche Tätigkeiten in den Bereichen Bildung, Kultur oder Politik übernehmen. Diese Ansätze – die viele Faktoren, die mit Resilienz assoziiert werden, beinhalten – ermöglichen und erfordern ein anderes wirtschaftliches Denken und einen Perspektivwechsel: mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit, weniger Delegation sowie hohe Flexibilität und umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Oder – wie es eine Rückkehrerin zum Ausdruck brachte: »In Berlin konsumiere ich, hier mache ich!« Dieser Wandel von einer Konsum- zur Gestaltungshaltung wurde in vielen Gesprächen deutlich und von den Interviewten als besondere Qualität ihres Lebens nach der Rückkehr hervorgehoben.

In Anbetracht des demografischen Wandels und der damit einhergehenden Abnahme an Fachkräften in vielen Regionen ist parallel dazu die Notwendigkeit zur Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen wichtiger denn je. Dies kann nicht nur dazu beitragen, die Effizienz und Innovationskraft von Unternehmen zu steigern, sondern auch den Fachkräften ermöglicht, sich auf strategische und kreative Tätigkeiten zu konzentrieren.

These 5: Resilienz bedeutet, Verwaltungsstrukturen in Regionen mit rückläufigen Bevölkerungszahlen zu optimieren und zu unterstützen
Einige unserer Projekte haben gezeigt, dass die Verwaltungen in den Städten aufgrund eines zunehmenden Personal- und Ressourcenmanagels kaum noch in der Lage sind, Transformationsprozesse zu steuern und Chancen zu ergreifen, die sich z.B. durch Förderprogramme bieten. Bei der Organisation und Durchführung des Bau- und Kulturfestivals Weißwasser unterstützten wir die personell stark beanspruchte Verwaltung bei der Antragstellung sowie der Abwicklung der Fördermittel. Dabei übernahmen wir die Rolle eines Vermittlers, in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, um die erforderlichen Genehmigungen zu erlangen und Lösungen für unerwartete Probleme zu finden. Zudem sorgten wir bei der temporären Aktivierung des leerstehenden Bahnhofsgebäudes dafür, dass praktische Fragen wie Brandschutz und eine stabile Stromversorgung geklärt wurden.

Das Projekt stand im Kontext des zuvor erarbeiteten Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes, das den Bahnhof und sein Umfeld als wichtigen Potenzialraum identifiziert: Er wird in den kommenden Jahren sinnbildlich für die Veränderung Weißwassers im Strukturwandel stehen. Das erneuerte und erweiterte Gebäude soll 2025 eine Bibliothek, ein Lesecafé und eine Tourismusinformation beherbergen, die als Keimzelle für eine entstehende Aufbruchsstimmung fungieren können. Das Baukulturfestival, beim dem von ca. 25 Künstlerinnen und Künstlern aus der Umgebung und aus Europa unter Federführung des Kollektivs Constructlab in zwei Wochen über 20 Stadtmöbel auf dem Bahnhofsplatz in einer temporären Baufabrik gefertigt wurden, sollte Vertrauen in die Planungen für den Umbau des Bahnhofs schaffen. Es galt, den langen Zeitraum zwischen der Bewilligung der Fördergelder aus dem Strukturwandel und der Eröffnung der neuen Bibliothek mit einer greifbaren Aktion zu überbrücken.

Es wäre bedauerlich gewesen, wenn Weißwasser diese Chance nicht hätte ergreifen können. Der Ansatz zeigt aber auch, dass Verwaltungs- und Fördermittelstrukturen verändert werden müssen, um mit wenig Personal den Strukturwandel aktiv gestalten zu können. Hier können intermediäre Akteure wie das IRLR, die sächsische Fachstelle für integrierte Gemeindeentwicklung FS Inge oder die Dezentrale helfen, indem sie als regionale Kompetenzzentren fungieren, die Gemeinden bei der Beantragung von Fördermitteln unterstützen oder Personal zu fairen Konditionen temporär „ausleihen“.

Fazit: Regionen mit rückläufigen Bevölkerungszahlen als Experimentierfelder der Postwachstumsgesellschaft – was bedeutet das konkret?
Die neue Dynamik von Transformationsregionen wie der Lausitz, die sich an Rückkehrenden und anderen Zuziehenden zeigt, ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht vollständig angekommen. Sie zeigt sich auch in einer zunehmenden wirtschaftlichen Diversifizierung, einer sozialen und kulturellen Lebendigkeit, die neue Perspektiven für die Region eröffnet. So führt der Ausstieg aus der Braunkohle im Lausitzer Revier nicht zu einer steigenden Arbeitslosigkeit – im Gegenteil, die sich dort neu entwickelnden Firmen finden kaum ausreichend Fachkräfte. Diese Entwicklungen stehen im deutlichen Kontrast zur traditionellen Erzählung vom ostdeutschen Raum als einer Region, die durch die Abwanderung und den wirtschaftlichen Abstieg der 1990er Jahre geprägt ist. Sie deuten auf eine Transformation hin, die in ihrer Tragweite noch nicht umfassend erkannt wurde. Es braucht es hier unterstützende Strukturen, Zivilgesellschaft und positive planerische Visionen, damit die Region ihr Potenzial entfalten und zeigen kann, wie trotz rückläufiger Bevölkerungszahlen eine nachhaltige und demokratische Zukunft aussehen kann. Vorboten des demographischen Wandels werden mittlerweile auch in den Metropolen spürbar – etwa durch Fachkräftemangel oder zurückgehende Geburtenraten. Es lohnt also ein Blick aus der Stadt in den ländlichen Raum, um zu lernen, welche Ansätze hier zu einer Resilienz beigetragen haben.

>>> download Veröffentlichung: vhw FWS 6 / November–Dezember 2024

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